Drei Orden

Drei Orden

Ich habe heute einen Fehler gemacht: Ich habe alte Bilder angesehen.

Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Man schaut ein bisschen, erinnert sich an vergangene Schützenfeste, entdeckt Menschen, Geschichten und gelegentlich auch die erfreuliche Tatsache, dass einem die Uniform früher etwas großzügiger geschnitten vorkam. Irgendwann blieb mein Blick an meiner eigenen Jacke hängen.

Heute hängen dort zwei Orden. Der erste ist der Jubiläumsorden aus dem Jahr 2003 – ausgerechnet aus dem Jahr, in dem ich selbst ins Schützencorps eingetreten bin. Der gehört zu mir. Er erinnert an meinen Anfang und an all die Jahre, die seitdem vergangen sind. Und dann hängt da noch ein Schießorden. Ja, tatsächlich: ein Schießorden.

Andere Schützen gehen auf den Schießstand und überlegen, wie viele Zehnen es werden müssen – und wie viele es sein dürfen, um nicht diesen strengen, augenverdrehenden Blick der Ehefrau abzubekommen, bevor sie schließlich lächelnd auf ihren Mann zukommt und sich ihrem Schicksal nicht mehr entziehen kann. Bei mir stellt sich eher die grundsätzliche Frage, ob die Scheibe anschließend überhaupt etwas mit meinem Schuss zu tun hatte.

Entsprechend stolz bin ich auf diesen Schießorden. Er ist schließlich der metallgewordene Beweis dafür, dass irgendwann einmal etwas Außergewöhnliches passiert sein muss: Ich habe getroffen. Offenbar sogar gut genug.

So weit, so gut. Und dann kam dieses eine alte Foto. Da stehe ich in Uniform. Ich schaue auf meine Jacke: Da hängt der Jubiläumsorden. Da hängt ein Schießorden. Und auf der anderen Seite … hängt noch einer.

Ich habe das Bild vergrößert, noch einmal hingesehen und schließlich weitere alte Fotos gesucht. Es hilft nichts: Ich hatte tatsächlich zwei Schießorden. Auf jeder Seite einen. Ich! Der Mann, der nicht schießen kann. Für einen kurzen Moment muss ich also eine schießsportliche Karriere gehabt haben, von der ich heute selbst nichts mehr weiß.

Und plötzlich war aus meinen Schießorden ein Singular geworden. Denn einer fehlt. Einer davon ist weg. Verloren. Wann? Keine Ahnung. Wo? Keine Ahnung. Wie? Keine Ahnung.

Und das Verrückte daran ist: Bis zu diesem Moment hatte ich ihn überhaupt nicht vermisst. Ich wusste ja nicht einmal mehr, dass er einmal da gewesen war.

Natürlich weiß ich noch ganz sicher, dass es bestimmt der kleinste Orden der Welt gewesen sein muss. Ganz bestimmt. Ein winziges Ding, kaum zu erkennen und eigentlich überhaupt nicht der Rede wert. Das Problem ist nur: Je länger ich mir die alten Fotos ansehe, desto größer wird dieser verdammte Orden.

Inzwischen dürfte er in meiner Erinnerung ungefähr die Ausmaße eines Königsschildes erreicht haben. Und natürlich war es vermutlich auch mein bester Schießorden. Vielleicht mein größter schießsportlicher Triumph überhaupt. Wer will mir heute noch das Gegenteil beweisen? Der Orden ist schließlich weg.

Und genau da hört der Spaß ein kleines bisschen auf. Denn jetzt weiß ich, dass da einmal drei waren: der Jubiläumsorden aus meinem Eintrittsjahr 2003, ein Schießorden – und noch ein Schießorden. Mein verlorener.

Vielleicht ist er irgendwann beim Schützenfest abgefallen, vielleicht beim Marschieren, vielleicht beim Feiern – wobei Letzteres selbstverständlich vollkommen ausgeschlossen werden kann. Vielleicht hat ihn irgendwann jemand gefunden, kurz angesehen und gedacht: „Ach, nur so ein kleiner Schießorden.“

Nur? Ich habe dafür etwas treffen müssen! Und wer mich jemals schießen gesehen hat, weiß, welche historische Leistung dahintersteckt.

Heute würde ich einiges dafür geben, ihn wieder an seinen alten Platz hängen zu können. Nicht weil er wertvoll war. Nicht weil er groß war. Sondern weil er meiner war. Weil ich ihn mir irgendwann einmal erschossen hatte. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum mich sein Verlust heute mehr berührt, als ich zunächst gedacht hätte.

So ein Orden ist eben nicht nur ein Stück Metall an einer Uniform. Irgendwo hängt daran auch eine Erinnerung – selbst wenn man sich erst wieder an sie erinnert, wenn der Orden längst nicht mehr da ist.

Vielleicht war er wirklich nur ganz klein. Aber das spielt heute keine Rolle mehr.

Ein kleiner Orden für die Welt.
Aber ein ganz großer für mich.

(Autor unbenannt – aus Gründen..)